Band 1: Die Quelle

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Band 1: Die Quelle

Post by Königsdrache on Sat Feb 11, 2017 10:17 pm

Daten

Umfang: 300 Normseiten
Staus: In Überarbeitung (unveröffentlichte Fassung auf meiner Patreonseite)



Zusammenfassung

Arawin, ein junger Nomade aus dem Wüstenstrang, wünscht sich nichts mehr als ein anderes Leben, als das der hart arbeitenden Wüstennomaden. Als er ein Son-Stein mit ungewöhnlicher Energie findet, wird sein Wunsch erfüllt, wenn auch nicht wie er es vielleicht erhofft hätte.

Marlock ist der Lichtpatron, des Schattenstranges, der höchste Rang seines Volkes und doch entscheidet er sich diesen ehrenhaften Titel niederzulegen und sein Volk im Stich zu lassen. Er versucht das fasst unmögliche zu schaffen, den Schattenstrang zu verlassen und ein Mädchen aus seiner Kindheit zu finden.

Dan ist ein Söldner aus dem Winterstrang. All seine Gedanken sind auf Geld gerichtet und den Alkohol, den man damit kaufen kann. Angelockt von einem scheinbar einfachen und luxuriösen Auftrags wird er in Geschehnisse verwickelt, die nur wenig mit Alkohol zu tun haben.

Harall ist der Prinz des mächtigsten Volks von Son, den Schwebenden. Eigentlich besitzt er alles, was man sich wünschen kann und sein Vater, der König der Schwebenden Stadt verspricht ihm sogar die ganze Welt. Trotzdem hat Harall seine eigene Pläne. Er will die Son-Quelle finden, die laut Legenden unendlich viel Energie besitzen soll, was für Harall bedeutet undendlich viele Möglichkeiten. Doch ein Mann steht ihm bei der Suche im Weg, sein eigener Vater.
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Re: Band 1: Die Quelle

Post by Königsdrache on Sat Feb 11, 2017 10:18 pm

Leseprobe 1

Kapitel 1: Der Wüstenjunge

Inmitten der weiten Wüste stand Arawin in einer selbstgegrabenen Grube und schlug mit seiner Schaufel vorsichtig gegen den Felsen, den er vom vielen Sand freigegraben hatte. Der Wind fegte über die Grube und seinen Kopf hinweg, den er mit einem Kopftuch vor der brennenden Sonne schützte. Das eine Ende des Tuches hatte er um sein Gesicht gewickelt, damit ihn die sandigen Windstöße nicht bei der Arbeit hinderten. Missmutig kratzte er mit seinem Werkzeug an der Oberfläche des harten Felsen. Es war kein brüchiger Sandstein, wie er erhofft hatte, sondern fester Granit. Weitere schwere Arbeit würde auf ihn zu kommen. Aber er war nichts anderes gewohnt. Nur war es bereits spät. Wenn die Röte einsetzte, dann mussten sie unbedingt ins Lager zurückkehren, bevor die Kälte der Nacht der heißen Wüstensonne den Platz nahm. Jedoch wollte er noch nicht nach Hause gehen. Nicht nur weil am Morgen die Grube wieder mit Sand gefüllt sein würde und die ganze Arbeit für nichts gewesen wäre. Vielmehr weil sein ganzer Tag ohne Ertrag verlaufen war und er wollte nicht ohne einen der für sein Volk so überlebenswichtigen Son-Steinen zurückkehren, egal wie klein dieser auch war. Arawin schabte weiter an dem Felsen, aber er konnte nur Sand, der an dessen Oberfläche klebte, entfernen. Nichts deutete daraufhin, dass sich im massiven Gestein ein Schatz verbarg. Er versuchte mit der Schaufel unter den Felsen zu gelangen. Manchmal befanden sich auch dort Fragmente von Son-Steinen. Aber außer Sand brachte er nichts hervor.
Ein kräftiger Windstoß, der neuen Sand in seine Grube wirbelte, unterbrach Arawins Arbeit. Sofort schloss er die Augen und zog das Kopftuch tiefer über sein Gesicht, um kein Sandkorn in seine Augen zu kriegen. Als der Wind nachließ warf er genervt die Schaufel zur Seite. Es war gut möglich, dass diese Stelle bereits von jemandem nach Son-Steinen abgesucht worden war. Es war sogar möglich, dass er selbst diese Person gewesen war. Wer kannte schon jeden Winkel in einer sich ständig verändernden und sich weit erstreckenden Wüste? Besonders wenn man zu einem Volk von Nomaden gehörte, die nie lange an einem Ort verweilten. Die Wüste sah überall ähnlich aus. Aber der Fels wirkte noch unversehrt, sah man von seiner abgerundeten Oberfläche ab. Der sandige Wind wirkte hier wie Schleifpapier. Aber sonst waren keine Risse zu sehen. Vielleicht waren Son-Steine im Innern des Granits zu finden. Er musste nur den Felsen brechen.
Arawin entwirrte sein Kopftuch und legte sein schmales, junges Gesicht frei. Seine weichen Züge wirkten, als wäre auch er wie der Stein vom Sand bearbeitet worden. Aber genau dieser Sand hatte seine sonnengebräunte Haut rau und dick gemacht. Seine dunklen Augen waren schmal und eng, als wollten die Lider die Pupillen vor dem Sand schützen. Unter seinem Kopftuch tauchten schwarze, lockige Haarsträhnen hervor, die durch Schweiß mit Sand verkrustet waren. Arawin richtete sich nach oben und blickte aus seiner Grube. Die Sonne war aus seiner Position aus nicht mehr zu erkennen. Die Röte würde bald kommen. Er musste sich beeilen.
»Aran, komm her!«, schrie Arawin gegen den Wind, der über seinen Kopf und die Grube zischte. Aber niemand kam.
»Aran!«, aber keine Antwort. Sein jüngerer Bruder tauchte nicht auf.
Wo steckte dieser Bengel schon wieder? Er hatte ihm doch gesagt, die ganze Zeit in seiner Nähe zu bleiben und nicht irgendwo alleine in der Wüste herumzuirren. Es war eine Abmachung gewesen, weshalb er Aran überhaupt heute mitgenommen hatte. Aber er hätte es besser wissen müssen, dass sich dieser an sein Versprechen nicht halten würde. Deshalb hatte er ihn nicht mitnehmen wollen. Er war zu jung, um eine Hilfe bei der schweren Arbeit zu sein, die Arawin bewältigen musste. Sein Bruder war erst elf und gute fünf Jahre jünger als Arawin der in zehn Tagen sechzehn wurde. Er freute sich auf diesen Tag. Mit sechzehn galt man bei den Nomaden als Erwachsener und man bekam das Recht am Rat teilzunehmen, welcher die Entscheidung über den Wüstenstamm traf. Im Gegensatz zu seinem Vater und den anderen älteren Männern seines Volkes, die sich zu stark in ihre Traditionen verkrochen, besaß Arawin einige neue Ideen, die das schwere Leben in der Wüste für alle erleichtern konnten. Aber bisher hatte man ihm noch kein Gehör geschenkt. Das würde sich bestimmt ändern, wenn er im Rat war. Dann mussten sie seinen Vorschlägen einfach zuhören und sie nicht nur mit einem matten Lächeln abhacken, wie es sein Vater immer tat. Aber bevor dieser Tag kam, musste er anscheinend noch andere Herausforderungen bewältigen.
»Aran! Wo im Namen von Eddinger, dem Heißen steckst du?«, schrie er noch einmal aus Leibeskräften und war bereits halbwegs aus der Grube gestiegen, als sein Bruder auf einmal über ihm auftauchte. Er strahlte über beide Ohren mit seinem sorglosen Lächeln, dass Selbstzufriedenheit ausstrahlte. Aran sah genauso aus wie sein älterer Bruder nur jünger. Arawin hasste es, wenn die Leute ihr Aussehen miteinander verglichen. Das Aran seine alten Kleider trug, half dabei auch nicht.
»Wo warst du? Ich sagte, du sollst hier bleiben. Bist du wieder Schlangen und Echsen nachgejagt?«
Sein Bruder war aus irgendeinem Grunde ganz vernarrt in die Tiere, welche in der Wüste lebten. Dabei war es ihm egal, wie gefährlich diese auch sein mochten. Er fing einfach alles, Schlangen, Skorpione und selbst kleine Insekten fanden keinen Schutz vor ihm. Er nahm jedes Tier bei sich auf, welches er in die Finger kriegen konnte. Diese Liebe war jedoch meist nur einseitig. Noch nie war ein Tier lange in Arans Obhut gewesen. Unteranderem weil ihr Vater die gefährlicheren schnell wieder wegnahm, oder weil sie Aran entwischen konnten und wieder andere starben an mangelnder Pflege. Bei Arawins Bruder konnten einem selbst die giftigsten Schlangen leidtun.
»Noch viel besser als Schlangen und Echsen.«, sagte Aran und sein Lächeln wurde immer breiter.
Aran streckte seine Hände aus und offenbarte seinem Bruder ein pelziges Knäul. Aus dem gelblichen Fell lugten zwei tellerförmige und braune Augen hervor, die verängstigt nach einem Ausweg suchten. Unmittelbar darunter befanden sich die starken Zähne des kleinen Nagetiers, welche versuchten Arans Finger zu beißen. Dieser störte sich nur wenig an der Gegenwehr des kleinen Tieres. Offene Stellen in seiner Haut zeigten, dass sein Gefangener nicht nur erfolglos gewesen war.
»Ein Wüstenhörnchen? Gut, dann gibt es heute sicher Fleisch zum Abendessen.«, neckte Arawin und verbarg seine Überraschung. Diese Tiere waren nur selten zu finden und besonders scheu. Bei den kleinesten Geräuschen verkrochen sie sich in ihren Höhlen unter dem Sand. Wie es Aran gelungen war, eines zu fangen, würde wohl dessen Rätsel bleiben.
»Niemals! Ich habe es gefangen und es gehört mir! Ich werde es nicht zulassen, dass es im Eintopf von Mutter landet.«
»Vater wird ihn dir wieder wegnehmen. Wenn es nicht vorher wegläuft.«
»Wird beides nicht geschehen. Ich werde es dressieren. Wirst schon sehen. Es wird nicht vor mir weglaufen und sich von selbst ernähren. Vater wird nichts dagegen tun können!«
Wüstenhörnchen ernährten sich hauptsächlich von Nüssen, die an sogenannten Wasserwurz wuchsen. Das besondere dieser Pflanze war, dass sie ihre Wurzeln meterweit unter den Sand schlagen konnten. Die Nomaden interessierten sich nicht wegen den Nüssen für diese Pflanze, sondern weil ihre Wurzeln immer zu einer Wasserquelle führte, die tief unter dem Sand vergraben war. Um an das Wasser zu gelangen, nutzten die Nomaden schwere Bohrmaschinen, die mit Son-Energie liefen, die man wiederum nur aus Son-Steinen gewinnen konnte, was Arawins Arbeit als Sucher so wichtig machte. Wüstenhörnchen besaßen weit schärfere Sinne als Menschen und konnten die Nüsse einfacher finden. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass das arme Tier jemals zu Aran zurückkehren würde, wenn man es einmal freiließ. Manchmal wünschte er sich die jugendliche Sorglosigkeit seines Bruders teilen zu können. Dafür wusste er aber zu gut, wie wichtig seine Arbeit hier war, wie unerlässlich es für seine Leute war, Son-Steine zu besitzen.
»Lass dein Wüstenhörnchen und hol mir den Steinbrecher.«
»Hast du denn noch nichts gefunden?«, fragte Aran ungeduldig, konzentrierte sich jedoch mehr auf das Wüstenhörnchen, dass sich in seinen Finger verbissen hatte. »Wir müssen zurück. Die Röte wird bald kommen.«
»Holst du mir nun meinen Hammer!«, fluchte Arawin, der bemerken musste, dass sein kleiner Bruder das Interesse verloren hatte. Für ihn war der Tag wohl erfolgreich abgelaufen. »Wir werden schon rechtzeitig zurückkehren, wenn du endlich tust, was ich sage.«
Aran blickte ihn trotzig an. Doch dann verstaute er das Wüstenhörnchen in einer seiner Taschen in seinem weiten Umhang. Das Tier versuchte sich zwar zu wehren, gelangte aber nicht ins Freie. Arawin konnte nur den Kopf schütteln. Das arme Ding würde wohl nicht lange überleben. Man konnte nur hoffen, dass sich seine Gefangenschaft nicht lange hinzog. Dann endlich verschwand sein kleiner Bruder über der Grube und bald konnte man sein angestrengtes Stöhnen vernehmen. Der Steinbrecher war ein schweres Werkzeug, besonders für einen Elfjährigen. Aran zerrte den Hammer über den Sand und legte den Griff zu seinem Bruder in die Grube. Der packte diesen und hievte ihn mühsam zu sich nach unten. Auch für einen fast Sechzehnjährigeren war der Steinbrecher ein schweres Werkzeug. Steinbrecher waren massive Stahlhämmer. Der schwere Kopf besaß ein spitzes, kegelförmiges Ende und ein Ende, das keilförmig war. Arawin schlug mit dem spitzen Teil auf den Felsen ein, bis dieser Risse bekam. Es war bereits eine Anstrengung, dies zu bewerkstelligen. Als die Risse genug breit waren, drehte er sein Werkzeug und trieb den Keil in den Riss hinein, bis der Fels sich zu spalten begann. Ein weiterer Hieb mit dem Keil in den Spalt und der Fels brach.
Arawin hatte von seinem Vater gelernt, dass Son-Steine als Fremdkörper in Gesteinen vorkommen konnten und diese dadurch schwächten. Dort wo die Felsen zuerst brachen, befanden sich meistens auch die Son-Steine – solange welche vorhanden waren. Er suchte die ganze Felskannte sorgfältig ab. Nicht der kleinste Stein war zu finden. Noch einmal ging er an das Werk mit seinem Steinbrecher und brach eine weitere Schicht des Felsens ab. Nichts Wertvolles kam hervor.
»Arawin!«, tauchte sein Bruder auf einmal wieder über der Grube auf. Er verstaute das Wüstenhörnchen zurück in seine Tasche. Wahrscheinlich hatte er die ganze Zeit mit dem Tier herumgetollt, während er hier unten schuftete.
»Jetzt nicht. Ich arbeite.«
»Aber sieh nur die Sonne!«, erwiderte Aran. Arawin konnte nichts sehen, aber er wusste, was sein Bruder meinte. »Eddinger, der Heiße wird bald das Feuer löschen und Frostward, dem Kalten auf dem Mond platzmachen.«
»Du musst mir nicht die ganze Mythen über unsere Götter erzählen. Die Nacht bricht ein, ich habe schon verstanden!«, fluchte Arawin und trocknete mit seinem Kopftuch den Schweiß von seiner Stirn. Er gab nur ungern auf. Aber mit den kalten Nächten in der Wüste machte man keine Späße. Sie mussten nachhause. Er gab seinem Bruder Schaufel und Steinbrecher hoch und kletterte dann selbst aus der Grube. Sofort wurde er vom sandigen Wind begrüßt. Doch jetzt wo die Sonne bereits tief am Horizont hing, war die Hitze schon fast vergangen und er fröstelte. Es wurde Zeit aufzubrechen und Arawin schulterte seine Werkzeuge, worauf Aran zu meckern begann:
»Lass mich helfen! Deshalb bin ich mitgekommen. Du hast mir den ganzen Tag nichts zu tun gegeben.«
Arawin übergab ihm die weit leichtere Schaufel und stolz marschierte sein kleiner Bruder damit davon. Er holte ihn schnell ein, da Aran neben dem Gewicht der Schaufel auch mit dem Wüstenhörnchen, das aus seiner Tasche fliehen wollte, zu kämpfen hatte.
Die Sonne sank weiter und der blaue Himmel verfärbte sich in einem feurigen Rot. Aber nicht nur der Himmel verfärbte sich. Auch die sandigen Felder röteten sich, als hätten sie Feuer gefangen. Die Röte hatte begonnen. Für sein Volk war es wie die letzte Warnung, dass sie bald Schutz vor der Kälte der Nacht suchen mussten. Sie waren spät dran und Arawin packte die Schaufel wieder und trieb seinen kleinen Bruder voran, der das Blut einer neuen Bisswunde von seinem Daumen leckte.

Sie schafften es noch während der Röte zurück zu ihrem Lager. Auf der Düne vor ihren einfachen Behausungen wartete schon ihr Vater. Arawin hatte seine bärenhafte Gestalt bereits von Weitem erkannt. Die weiten Wüstenkleidungen betonten seine kräftige, massige Gestalt nur. Er hatte die gleichen lockigen Haare wie seine Söhne und sein gebräuntes Gesicht säumte ein dichter Bart, der genau so lockig war. Seine Gesichtszüge waren meistens ernst und rau. Als er jedoch seine Söhne erblickte, entspannten sie sich zu einem warmen Lächeln. Arawin wusste, dass man durch das Äußere seines Vaters ihn leicht missverstehen konnte. Aber in seinem Innern loderte mehr Wärme, als Eddinger, der Sonnengott besaß und er konnte sich keinen besseren und verständnisvolleren Vater vorstellen.
Randror hatte ebenfalls Schaufel und Steinbrecher geschultert. Er war auch ein Sucher wie Arawin und hatte hoffentlich heute mehr Glück gehabt. Mit der freien Hand winkte der Mann seine Söhne zu sich. Aran ignorierte das protestierende Wüstenhörnchen in seiner Tasche das erste Mal, seit er es gefangen hatte und rannte mit kleinen, schnellen Schritten den Sand zu seinem Vater hoch. Arawin eilte hinter ihm her. Randror legte seinen Arm um den elfjährigen Jungen, der versuchte seine verbissenen Hände vor dem Mann zu verstecken, der fast doppelt so groß wie er war. Den Inhalt seiner Tasche wollte Aran wohl doch nicht so bald offenbaren, in der Angst, das Wüstenhörnchen wurde ihm wieder weggenommen. Randror ignorierte die seltsamen Marotten seines jüngsten und seine engen, braunen Augen wanderten zu Arawin. Dieser konnte die Frage seines Vaters von dessen Gesicht ablesen und bevor sie gestellt wurde, schüttelte Arawin nur mit gesenktem Haupt den Kopf.
»Das macht nichts, mein Sohn.«, sagte er sanft mit seiner rauen und tiefen Stimme. »Ich war dafür erfolgreich.«
»Wirklich? Zeig bitte her!«
Arawin war voller Vorfreude, was sein Vater wohl aus der Tasche zaubern mochte. Randror streckte ihm seine offene Hand entgegen und Arawin konnte die Enttäuschung kaum verbergen. Auf der Handfläche lagen drei kleine Steine, die gelblich leuchteten wie das Licht der Sonne, das deutliche Zeichen, dass in ihnen Son-Energie konzentriert war. Aber ihr Leuchten war nur schwach und sie waren kaum grösser als Sandkörner. Wie lange konnten wohl diese Steinchen die Bohrmaschine am Laufen halten? Wahrscheinlich keine ganze Stunde lang. Nicht im Ansatz genug, um zu einer Wasserquelle durchzudringen. Mit dieser heutigen Ausbeute besaßen sie vielleicht gerade einmal genug Energiereserven, um eine Bohrung durchzuführen. Selten reichte nur eine Bohrung aus. Es existierte keine präzise Methode, um Wasser unter der Erde zu entdecken.
»Wir müssen morgen nach mehr Steinen suchen. Ich habe eine gute Stelle …«
Aber Randror unterbrach seinen Sohn.
»Nein. Der Rat hat es bereits beschlossen, Arawin. Unsere jetzige Wasserquelle ist so gut wie erschöpft. Wir werden morgen das Lager abbrechen und weiterziehen. Die Frauen füllen bereits das restliche Wasser ab und verteilen es den Familien.«
Dies war das Leben der Wüstennomaden. Man blieb nie lange an einem Ort. Sie zogen von einer Wasserquelle zur Nächsten. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, um in der Wüste überleben zu können. War eine Quelle versiegt, so zog man weiter und ließ die mächtigen Regenschauer, welche die Nächte in der Wüste immer wieder heimsuchten, diese Quellen langsam wieder füllen. So hatte sein Volk schon immer überlebt. Und auch wenn immer mehr Leute die Nomadenstämme verließen, um in die große Wüstenstadt Razin zu ziehen, so würden seine Leute das freie Leben in der Wüste niemals aufgeben. Egal wie schwer es manchmal sein konnte und die Gefahr hoch war, dass man eines Tages nicht rechtzeitig zu einer Wasserquelle vordringen konnte und der ganze Stamm an Wassermangel ausstarb. Aber Arawin würde verhindern, dass dies jemals seinen Leuten geschehen würde.
»Es wird niemals ausreichen, Vater. Wir haben zu wenig Son-Energie.«
»Wir sind nicht die einzigen Sucher unseres Stammes, Arawin. Es muss nicht alles auf deinen Schultern liegen. Hab doch etwas Vertrauen in uns andere. Und sollte die Bohrmaschine wirklich eines Tages nicht mehr funktionieren, so besitzen wir immer noch genügend Schaufeln und machen es wie in alten Zeiten.«, Randror lachte zufrieden.
Arawin besaß jedoch eine etwas andere Einstellung dazu. Seit er geboren war, besaß sein Volk diese Bohrmaschine, die ihr Leben in der Wüste doch um einiges erleichtert hatte. Jedoch in der Jugendzeit seines Vaters hatte man noch herkömmlich mit Schaufeln nach Wasser gegraben. Die Quellen lagen tief unter dem Sand und viele der Arbeiter starben an der schweren Arbeit unter der heißen Sonne und vor allem ohne Wasser. Man musste Tag und Nacht graben, der Witterungen trotzen und der ganze Wind, der den Sand wieder zurück in die Gruben blies, half auch selten mit. Aber dies lag einige Jahrzehnte zurück. Man hatte sich weiterentwickelt. Jetzt existierten andere Wege.
»Komm mein Sohn. Die Nacht wird kalt und deine Mutter hat bestimmt schon etwas Warmes vorbereitet. Man hat mich die Arbeit hungrig gemacht. Dich nicht auch?«
Arawins Magen knurrte, aber sagen, tat er nichts und gemeinsam erstiegen sie die letzten Meter der Düne und blickten von oben herab auf das Lager ihres Nomadenstammes. Es war stark geschrumpft, seit sie es am Morgen verlassen hatten. Alles wurde bereits für die morgige Abreise vorbereitet. Die größeren Gemeinschaftszelte waren abgebrochen worden und die mächtige Bohrmaschine hatte man in ihre Einzelteile zerlegt und die schweren Teile bereits auf Karren verladen. Um das Lager herum waren noch die Netze aufgestellt, die den Wind bremsen sollten. Ansonsten standen nur noch die Familienzelte, in denen sie schliefen und die Stallungen. Arawin konnte die bekannten schrillen Schreie vernehmen, welche die Goldschlepper in ihren Behausungen von sich gaben. Goldschlepper waren Lasttiere, welche die Nomaden nutzten und regelrechte Überlebenskünstler der Wüste waren. Sie besaßen lange, schmale Beine, mit denen sie mühelos durch den Sand waten konnten und trugen langes, zotteliges Fell, welches dieselbe gelbbraune Farbe wie der Sand trug und die kräftigen Tiere vor der Sonne schützten. Unter ihrer Mähne stach ein goldenes Augenpaar heraus, von welchem die Goldschlepper ihre Namen trugen. Arawin staunte immer wieder, wie viel diese Tiere tragen und wie lange sie an einem Tag ohne Pause marschieren konnten. Dafür verlangten sie nur wenig Wasser und Nahrung als Bezahlung. Es waren die perfekten Helfer für die Nomaden, um durch die Wüste zu ziehen, weshalb man sie auch sorgfältig und liebevoll züchtete.
Dann erblickte Arawin seine Mutter Arawene, nach der er benannt war, sowie seine vierzehnjährige Schwester Randi. Die beiden halfen den anderen Frauen und älteren Männer, die im Lager zurückgeblieben waren, lederne Plachen zwischen den Zelten aufzuspannen – sogenannte Regenfänger.
»Wird es heute Nacht regnen?«, fragte er seinen Vater.
»Ganz bestimmt.«
Arawin blickte in den roten Abendhimmel. Es war keine Wolke zu sehen. Wenn es um diese Zeit noch nicht bewölkt war, dann folgte selten Regen in der Nacht. Aber andererseits hatte sich sein Vater – wenn es um solche Dinge ging – sich noch selten einmal geirrt. Man konnte es nur hoffen. Der Regen war ein Segen für die Wüstennomaden. Er bedeutete frisches Wasser, dass man relativ einfach mit den Regenfänger sammeln konnte. Regenfälle waren jedoch auch in der Nacht oft Seltenheiten.
Als Aran, der durch sein Wüstenhörnchen abgelenkt worden war, endlich seine Mutter erblickte, rannte er voller Freude die Düne zum Lager hinunter. Doch das Tier in seiner Tasche wehrte sich gegen die unbequeme Reiseart und der Junge, der sich zwischen rennen und zähmen des Wüstenhörnchens nicht entscheiden konnte, stolperte über seine zu großen Sandalen und seinen zu weiten Kleider und fiel kopfüber in den rauen Sand. Endlich fand das Wüstenhörnchen, dank Arans Tollpatschigkeit, ins Freie und sprang über dessen Hinterkopf, der noch halb im Sand steckte, davon. Der Junge gab sich nicht geschlagen, rappelte sich schnell wieder hoch und sprang mit ausgestreckten Armen auf das flinke Tier zu und bekam es tatsächlich noch einmal zu fassen. Arans Gesicht steckte zwar wieder im Sand und er besaß neue Bisswunden, aber dies war ihm gänzlich egal. Er hatte das Wüstenhörnchen wieder in Händen.
»Was hat dein Bruder jetzt wieder gefangen?«
»Ein Wüstenhörnchen.«
»Die schmecken wunderbar im Eintopf, musst du wissen.«
»Habe ich auch vorgeschlagen. Aber Aran wird das Tier nicht hergeben, selbst wenn du ihm drohst, ihn unter dem Sand zu vergraben.«
Randror lachte bellend und freudig, bis sein Blick in den roten Himmel über dem Lager wanderte und die heitere Stimmung sich schlagartig änderte. Sein Lachen brach jäh ab und sein Blick verfinsterte sich. Arawin folgte dem Blick seines Vaters gen die untergehende Sonne. Seine Augen glänzten vor Bewunderung, als er die beiden Schatten im Himmel erkennen konnte.
»Ist es schon wieder diese Zeit im Jahr? Ein schlechtes Omen«, murrte Randror missgelaunt.
Arawin hörte seinem Vater kaum zu und blickte weiter in den Himmel. Er wusste genau, was der längliche Schatten in der Ferne war, Valvera, die Schwebende Stadt, die Heimat des Schwebenden Volkes, welche einmal im Jahr für einige Wochen über den Wüstenstrang schwebte. Arawin konnte sich jedes Mal kaum sattsehen, an der Stadt, die über den Wolken wanderte. Sie und dieses fortschrittliche Volk waren jedes Mal so nah und doch unerreichbar fern. Der kleinere Schatten, der von der Stadt heruntersank und schließlich hinter dem Horizont verschwand, musste eines der berühmten Luftschiffe sein, welche die Schwebenden nutzten, um zwischen den Strängen zu reisen. Arawin konnte es hinter den Sandhügeln nicht erkennen, aber das Ziel des mächtigen Luftschiffes konnte nur die Wüstenstadt Razin sein. Was würde Arawin nicht alles geben, wenn er in diesem Augenblick in der Stadt wäre und nicht nur das Luftschiff, sondern auch die Schwebenden aus der Nähe betrachten könnte.
Arawin hatte noch nie jemand vom Schwebenden Volk gesehen. Wenn er ehrlich war, sah er selten eine Person aus einem der anderen Stränge. Aber keines der Völker außerhalb des Wüstenstranges interessierte ihn mehr als die Schwebenden. Dabei hatte er bis jetzt nur Geschichten von ihnen gehört. Darunter einige spärlich ausgeführte Erzählungen seines Vaters, der schon mit Leuten vom Schwebenden Volk zu tun gehabt hatte, als er nach Razin gegangen war, um dort einige Güter zu erhandeln – sein Vater hielt sehr wenig von den Schwebenden und empfand sie als überheblich und eingebildet. Viel lieber hörte Arawin den Geschichten und Legenden zu, die Tarrar erzählte, ein seltsamer, alter Kauz, der nun schon fast zehn Jahre mit den Nomaden reiste. Er war ein Auswärtiger, wahrscheinlich gehörte er nicht einmal dem Wüstenvolk an. Einige böse Zungen behaupteten sogar, dass er nicht einmal ein Mensch war und Arawin konnte es diesen Leuten nicht übel nehmen. Tarrar war irgendwie anders, sein Aussehen, seine Sprache, sogar sein Geruch und obwohl er viel zu erzählen wusste, seine eigene Geschichte hatte er nie jemandem anvertraut. Trotzdem Arawin ging gerne zu dem Alten, um dessen Erzählungen zu lauschen, auch wenn Randror es aus irgendeinem Grunde nicht gerne sah, wenn er mit Tarrar sprach.
Arawin sah noch zu, wie das Luftschiff gänzlich hinter dem Horizont verschwand. Wie gerne würde er jemanden vom Schwebenden Volk treffen. Für ihn waren sie wie Götter oder zumindest direkte Abkömmlinge der Götter. Sie schwebten schließlich majestätisch in einer Stadt im Himmel, die über alle Stränge dieser Welt flog. Sie besaßen Technologien, welche alle anderen Völker übertrafen und ihre Luftschiffe, boten unbegrenzte Möglichkeiten beim Reisen über die ganze Welt. Man konnte mit ihnen nicht nur die Schwebende Stadt und die sechs Stränge erreichen, sondern auch über den Kern der Welt fliegen und auf diesem landen, wenn man wollte. Wie konnte dies ein anderes Leben sein als das von Göttern? Für Arawin und die Nomaden unvorstellbar und anderen Völkern musste es ähnlich gehen.
In der Mythologie des Wüstenvolkes existierten nur zwei Gottheiten und beide mischten sich nie in die Bedürfnisse der Menschen ein. Zum einen gab es Eddinger, der Heiße, der Sonnengott. Er lebte in der Sonne und zündete diese jeden Morgen an und hielt das Feuer in Schach, bis er es am Abend wieder erlosch und seinem Bruder den Platz übergab, Frostward dem Kalten, der Mondgott, der die Dunkelheit und die Kälte auf die Welt brachte. Dies war die Arbeit der beiden Götter. Mehr taten sie nicht und das Wüstenvolk hatte deshalb gelernt, für sich selbst zu sorgen. Aber wenn Arawin sich Götter vorstellen müsste, die sich in den Lauf der Dinge einmischten, dann kamen ihm als erstes die Schwebenden in den Sinn. Die diesem Ruf auch entgegenkamen. Man sagte, dass sie viele Technologien nach Razin gebracht hatten, welche das Leben der Bewohner der Wüstenstadt erleichterte. Man hörte Geschichten, dass niemand in Razin mehr Angst davor haben musste, zu verdursten. Nicht einmal die Armen mussten sich mehr Sorgen machen, da sie für das Wasser nicht mehr bezahlen mussten. Die Schwebenden mussten einfach Götter sein, wenn sie solche Wunder in der Wüste erschaffen konnten.
»Los komm, Arawin. Mutter wartet.«, scheuchte Randror seinen Sohn die Düne hinunter. Diesem gefiel Arawins Blick gar nicht.
»Wie weit ist Razin von uns entfernt, Vater?«
»Schwer zu sagen. Zwei oder wohl eher drei Tage Fußmarsch durch die Wüste.«
»Wir sollten dorthin gehen. Wenn die Schwebenden dort sind, gibt es vielleicht endlich wieder Son-Steine zu einem erschwinglichen Preis zu kaufen.«
»Egal wie günstig, wir besitzen kein Geld für einen solchen Kauf. Wir müssen für uns selbst schauen.«
Arawin wusste, dass dies nicht gänzlich stimmte. In ihrer kleinen Welt, wo alles unter den Nomaden geteilt wurde, mochte Geld keine große Rolle spielen. Aber es war allseits bekannt, dass der Rat Wüstengold für den Notfall besaßen, um wichtige Güter in Razin kaufen zu können, sollte man einmal in der Nähe der Wüstenstadt sein. Arawin fand, dass sie langsam aber sicher einem solchen Notfall näher rückten und bereits morgen konnten sie sich wieder der Stadt entfernen. Wohin es ging, wusste nur der Rat. Arawin wünschte sich endlich dazuzugehören. Nur noch zehn Tage.
»Außerdem habe ich gehört, dass die Händler in Razin nur noch Son-Steine kaufen und nicht mehr verkaufen. Wir sind wohl nicht die einzigen mit Energieproblemen, mein Sohn. Wir sehen uns besser für eine andere Lösung um. Die Bohrmaschine ist so oder so viel zu schwer für unseren Lebensstil.«
»Magst du das schaufeln wirklich so sehr?«
Randror lachte.
»Frecher Arawin, was ist mit dir? Du scherst dich doch einen Dreck um den Handel mit Son-Steinen. Du willst nur die Schwebenden sehen.«
»Wie sind sie Vater? Erzähl mir von ihnen, bitte.«
»Das letzte Mal habe ich sie vor einigen Jahren in Razin gesehen. Großgewachsen und lang sind sie, mit heller Haut und blauen Haaren. Sie haben natürlich von mir keine Notiz genommen. Du ahnst nicht wie arrogant diese Schwebenden sind. Sie behandeln das ganze Wüstenvolk wie niedere Wesen, selbst die Adeligen und Reichen von Razin.«
Dies verwunderte Arawin kaum. Es war normal für Götter, auf normale Menschen herabzublicken.
»Aber den Schwebenden kann nicht alles egal sein, Vater? Sie haben doch diese ganze Technologie nach Razin gebracht.«
»Lass mir dir einen Rat geben, mein Sohn, auch wenn du nie auf mich hörst, präge dir diesen gut ein. Nichts, was von diesem eigennützigen Volk kommt, ist ohne Preis. Am schlimmsten an ihnen ist ihr Umgang mit dem, was für uns so lebenswichtig ist. Sie nutzen Wasser, aber auch Son-Energie, als wäre unendlich davon vorhanden.«
»Wäre es denn nicht wunderbar, wenn es wirklich unendlich davon gäbe, wenn die Quelle wirklich existieren würde?«
»Die Quelle?«
»Die Son-Quelle aus den alten Legenden. Sie soll genug Son-Energie in sich tragen, um alle Völker für tausende Jahren mit Energie versorgen zu können.«
»So etwas existiert nicht, mein Sohn.«
»Tarrar hat gesagt, dass die Quelle einst existiert hat, in einer Zeit, als alle Völker noch vereint waren. Doch ihre Energie zerriss die Welt und machte sie zu dem, was sie heute ist.«, prustete es aus Arawin heraus und sofort wünschte er sich, er hätte den Mund gehalten.
»Tarrar? Ich sage dir immer und immer wieder, glaube nicht alles, was der verrückte Alte erzählt. Du bist zu alt, um seine Märchen zu glauben. Eine solche Quelle existiert nicht und hat nie existiert!«
»Aber Vater, stell dir nur vor, sie würde wirklich existieren.«, träumte Arawin laut vor sich hin. »Unendlich Son-Energie. All unsere Probleme wären für immer gelöst.«
Randror schnaubte nur verächtlich.
»Daran sieht man, dass du noch jung und naiv bist, mein Sohn. Du verstehst zu wenig von dieser Welt. Eine einzelne solche Quelle würde keine Probleme lösen, nur mehr erzwingen. Alle würden nach ihr gieren. Es würde einen Krieg geben, an dem sich alle Völker beteiligen würden. Lass uns hoffen, dass diese Quelle nicht existiert. Denk nur darüber nach, Arawin, hast du nicht selbst gesagt, dass sie schon einmal die Welt zerrissen haben soll? Etwas, was die Macht besitzt, die ganze Welt zu vernichten, sollte nicht existieren, mein Sohn und du sollst schon gar nicht von solchen Dingen träumen.«
Arawin ließ beschämt den Kopf senken. Er hatte dieses Mal wohl wirklich etwas Dummes gesagt. Vielleicht hörte er doch zu viele von Tarrars Geschichten und vielleicht hatte er irgendwie gehofft, ein anderes Leben könnte ihn erwarten als das eines Wüstennomaden. Was natürlich Blödsinn war. Er war ein Wüstennomade und würde immer einer bleiben.
Sein Vater legte ihm seine warme, große Hand auf die Schulter.
»Nun komm, Arawin. Die Röte ist so gut wie vorbei. Bevor die Kälte einbricht, möchte ich in unserem Zelt sein und ein warmes Mahl genießen. Lass die Schwebenden Schwebende bleiben und ihre Quellen vergessen. Wir sind die Nomaden des Wüstenvolkes. Wir haben schon immer für uns gelebt und alles alleine bewerkstelligt. Wir brauchen keinen von denen und sie brauchen nichts von uns. So ist es am besten für alle. Mach dir nicht so viele Gedanken.«
Sie kamen zusammen im Lager an und dies noch bevor die Röte gänzlich vergangen war. Im Zelt wartete bereits Aran mit dem Wüstenhörnchen noch immer in der Tasche. Er bekam gerade eine üble Schelte von Arawene, der das neue Haustier gar nicht gefiel. Randi stand belustigt daneben. Sie verbarg ihr freches Grinsen hinter ihren Händen. Ihr gefiel es, wenn ihre Brüder in Schwierigkeiten steckten. Aber alle beteiligten wussten, Aran würde das Wüstenhörnchen für nichts in der Welt hergeben und mit Sicherheit behalten.
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Re: Band 1: Die Quelle

Post by Königsdrache on Sat Feb 11, 2017 10:19 pm

Leseprobe 2

Kapitel 2: Der Silberne Prinz

Harall setzte seinen hochgewachsenen Körper in den Sessel, der nur für ihn gedacht war. Er schnallte sich die Sicherheitsgurte um seinen dünnen Oberkörper. Die Besatzung wirkte nervös. Auch wenn sie ein solches Manöver nicht zum ersten Mal durchführten, die Landung eines mächtigen Luftgerätes auf sandigem Untergrund bot immer Gefahren. Doch Harall blieb ruhig. Er legte sein ganzes Vertrauen in die Technologien seines Volkes. Diese Luftschiffe waren ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, der Beweis für die Überlegenheit des Schwebenden Volkes. Sie nutzten keinen Wind zur Fortbewegung, wie ihre kleineren Geschwister, die über den Wasserstrang segelten, sondern besaßen mächtige Son-Triebwerke, welche sie langsam, aber majestätisch durch die Luft gleiten ließen.
Er blickte aus den Fenstern der Kabine. Seine Pupillen besaßen ein helles Blau wie ein klarer, wolkenloser Himmel. Alle in seinem Volk hatten ausnahmslos diese Augenfarbe. Von seinem Sessel aus, der selbst über dem Sitzplatz des Kapitäns stand, besaß Harall einen guten Überblick über das Geschehen. Er sah über das Deck des Luftschiffes hinaus und erkannte, wie die die Wolken rasant an ihnen vorbeizogen. Sie befanden sich im Sinkflug. Auf Befehl des Kapitäns hin, wurde die Geschwindigkeit stark gedrosselt. Die Besatzung bereitete sich auf den Aufprall im Sand vor. Im nächsten Moment wurde nicht nur die Kabine sondern das ganze Fluggerät kräftig durchgeschüttelt. Harall wurde fast aus seinem Sitz gerissen. Doch die Gurte hielten ihn an Ort und Stelle. Dann gab die Erschütterung nach. Die monotonen Geräusche der Son-Triebwerke verstummten und der Kapitän wandte sich zu Harall.
»Mein Prinz, wir sind gelandet.«, verkündete dieser unnötigerweise.
Haralls Blick blieb unberührt. Er löste die Sicherheitsgurte und stand von seinem Sessel auf, um seine Kleidung und wegen der Erschütterung zerzausten Haare zu richten. Einen vom Schwebenden Volk erkannte man normalerweiser an den Haaren, die in allen erdenklichen Blautönen vorkamen. Doch die von Harall waren weiß wie die Wolken und in ihnen war nur ein schwacher Schimmer eines sehr hellen Blaus zu erkennen. Er konnte sich noch gut erinnern, wie seine verstorbene Mutter einst zu ihm gesagt hatte, dass sie schimmern würden wie Silber. Auch wenn er damals noch sehr jung gewesen war, noch bis heute musste ihn seine Untergebenen der Silberne Prinz nennen. Sein Vater, Kalin der Himmelskönig, Herrscher über das Schwebende Volk hielt nichts von dem Namen nach dem Edelmetall. Nur ein weiterer Grund für Harall, um diese Tradition fortleben zu lassen. Sein Vater hatte ihm ebenfalls immer verdeutlicht, dass wenn er unter dem Namen des Königs unterwegs war, er dessen Farben zu tragen hatte, himmelblau. Der Prinz hatte sich jedoch für ein Samtgewand entschieden mit einer metallenen, silbernen Farbe.
Harall winkte seinen Leibwächter zu sich. Mit teilnahmsloser Miene setzte dieser seinen großen und schweren Körper in Bewegung. Eine silberne Plattenrüstung – die Harall für ihn ausgesucht hatte – betonte seine Figur. Auf seinem himmelblauen Waffenrock war das Wappen der Schwebenden Stadt, Valvera zu erkennen, zwei weiße Engelsflügel, die über einen langen Speer geschlagen waren. In seinem Waffengurt hing ein Schwert mit flacher und breiter Klinge, die geformt war wie ein Flügel und Engelsschwinge genannt wurde. Harall hatte die Waffe schon einige Male im Einsatz gesehen. Mit Blut beschmiert besaß sie nur sehr wenig von diesen heiligen Geschöpfen, welche die Beschützer der Schwebenden Stadt waren.
Schwerter, Äxte, Speere und was es sonst noch für antike Waffen gab, Harall konnte mit ihnen nichts anfangen. Es waren die Waffen von Barbaren und einfachen Leuten, die gerne schwitzten und Blut aus der Nähe riechen wollten, aber bestimmt nichts für einen Prinzen. Harall nutzte lieber eine andere Waffenart. Seine Hand glitt unbewusst zu seinem Waffengurt, wo er seine Pistole verstaut hatte. Es war die neuste Entwicklung seines Volkes. Eine Schusswaffe, die rein durch Son-Energie betrieben wurde und Projektile aus reiner Energie verschoss. Selbst die dicken Rüstungen der Himmelswächter - seines Vaters persönliche Leibwache – konnten diese Geschosse nicht aufhalten. Und lud man die Waffe mit genügend Son-Steinen, konnte man fast den ganzen Tag herumschießen.
Borg trat zu Harall und legte ihm einen himmelblauen Umhang über die Schultern, auf dem ebenfalls das Wappen der Schwebenden zu sehen war. Niemand sollte ihm später vorwerfen können, dass er nicht die Farben seines Vaters getragen hatte.
»Es ist alles vorbereitet, oh Silberner.«, sagte Borg mit einer tiefen, rauen Stimme und zeigte so etwas wie eine Verbeugung an. Sein Leibwächter war noch nie gut darin gewesen, anderen Respekt zu zollen. Aber deswegen hatte er Borg auch nicht als Leibwache gewählt sondern wegen seinen anderen Vorzügen. Respekt war das Eine, Loyalität war ihm wichtiger und noch wichtiger war, dass er sich nicht scheute, seine Hände schmutzig zu machen.
»Dann lassen wir diese Barbaren lieber nicht länger warten. Ich möchte so schnell es geht aus diesem sandigen Drecksloch wieder verschwinden.«
Zusammen mit Borg ging er an Deck des Luftschiffes Es war sein persönliches Luftschiff, dass ihm sein Vater geschenkt hatte, die Silbersonne. Natürlich hatte Harall das Schiff getauft. Kaum waren sie im Freien, wurden sie von dem sandigen Wind begrüßt, den Harall hasste und verfluchte. Die Beflügelten warteten bereits auf ihn. So wurden die Soldaten der Schwebenden genannt. Sie trugen weiße Rüstungen und blaue Waffenröcke und dazu einen weißen Helm mit Visier und Flügeln, die wie das Geweih eines Hirsches aus der Stirn heraustraten und sich um den Helm schmiegten. Sie hielten entweder lange Speere oder Gewehre, die durch Son-Energie Stahlkugeln verschossen. Die Vorgängerwaffen von Haralls Pistole.
Während die Besatzung einen Steg über die Reling bereitmachten, damit Harall und seine Soldaten das Deck, welches noch hoch über dem sandigen Boden lag, verlassen konnten, betrachtete er die Stadt, welche sich vor dem Luftschiff, soweit das Auge reichte, erstreckte. Die Wüstenstadt Razin. Sie bestand fast nur aus einfachen Stein- und Tonhäuser von denen manche nicht einmal Türen oder Fenster besaßen, sondern meist nur eine Öffnung als Eingang. Im Zentrum zwischen den engen Straßen und Gassen, die völlig wirr an den unzähligen Häusern angepasst worden waren, ragten die hohen Türme des Palastes der Stadt über den Dächern. Die vergoldeten Spitzen leuchteten in der Röte des Abendhimmels.
Das gewaltige Gebäude war nur noch ein Relikt alter Zeiten. Diese Barbarenstadt wurde schon lange nicht mehr durch einen Monarchen geführt, wie es sich eigentlich gehörte. Vor einem guten Jahrhundert hatte man den Wüstenkönig gestürzt und durch einen Rat ersetzt, der aus den reichsten Familien der Stadt zusammengestellt war. Wenn Harall aus Barbaren etwas lernen konnte, war es, dass man seinen eigenen Untertanen nie gänzlich vertrauen sollte. Eine Lehre, die der Himmelskönig ihm auch schon mehrmals erteilt hatte. Harall kannte keine paranoidere Person als seinen Vater.
Harall entdeckte das Willkommenskomitee. Vielen Schaulustigen war die Landung des Luftschiffes nicht entgangen und so versammelten sie sich nun vor der Stadt. Soldaten trieben jedoch einen Weg durch die Menge und zwangen die Leute zu den Straßen von Razin zurück. Harall konnte nur über die Männer lachen. Ihre Uniformen bestanden alleine aus weiten Kleidern, die man nur vom normalen Volk unterscheiden konnte, weil sie knallrot waren. Bewaffnet waren sie mit Gewehren der ersten Generation, solche die noch mit Schwarzpulver gezündet werden mussten. Harall wusste dies am besten, er hatte ihnen schließlich diese veralteten Waffen verkauft. Es handelte sich um unpräzisen Müll, der nur schwer zu handhaben war und mit all diesem Sand verweigerten sie gerne einmal ihre Funktion. Trotzdem waren es wohl die fortschrittlichsten Waffen, die es zurzeit auf dem Wüstenstrang gab.
Die Soldaten merkten bald, dass man die Leute nicht vertreiben konnte und stellten sicher, dass niemand die Hauptstraße blockierte. Auf der geräumten Straße marschierten sogleich weitere Soldaten gegen das Luftschiff. Sie trugen goldene Waffenröcke und lederne Schutzbekleidung. Sie hielten ihre traditionellen Säbel und ihre Umhänge waren aus schwarzem Gefieder zusammengeflochten. Ihre goldenen Helme hatten die Form von Vögeln. Alakeen wurden sie genannt, nach den mächtigen Vögeln, die über den Wüstenstrang flogen und sich von Aas ernährten. Sie waren einst die Palastwachen gewesen. Doch nun waren es nur noch Söldner, die für die reichen Familien der Stadt arbeiteten und versuchten ihre Traditionen zu bewahren.
Nach den Soldaten folgte eine Schar Mädchen, die Körbe trugen, aus denen sie Blumenblüten über den sandigen Weg verstreuten. Es handelte sich dabei um eine Blumenart, die normalerweise nicht auf dem Wüstenstrang wuchs. Eine reine Machtdemonstration, vom Schöpfer dieses lächerlichen Zuges. Vielleicht konnte er das einfache Volk damit, aber sicher nicht Harall oder irgendeinen anderen Schwebenden. Dahinter folgten Dutzende Sklaven, gut ernährt und eingekleidet, um den Wohlstand ihres Herrn zu zeigen. Dabei vergaß man schnell, dass noch hundert andere Sklaven irgendwo ausgehungert für denselben Mann arbeiteten. Die letzten Sklaven führten zwei dieser stinkenden Lasttiere dieses Stranges über den mit Blüten bedeckten Boden. Die Tiere zogen einen reich geschmückten Karren mit einer goldenen Kabine. Dort saß ein Mann in einem gepolsterten Sessel. Auch er trug die weiten Kleider des Wüstenvolkes, die seinen dicken Wanst jedoch nicht verbergen konnten. Nur waren seine Kleider aus Samt. An jedem Finger oder Gelenk trug er irgendein aufwändiges Schmuckstück, genauso um seinen Hals und an seinen Ohren. Selbst seine Schweinenase hatte er durchstochen, um dort einen Klunker zu befestigen, der zu seiner dunklen Haut und den schwarzen Augen und Haaren passte. Alkarn, es war wie immer ein unangenehmer Anblick, wenn der wohl reichste und mächtigste Mann im Rat der Zehn aufkreuzte.
In der Zwischenzeit hatte die Besatzung den Steg heruntergelassen und eine Zwanzigschaft der Beflügelten, allesamt mit Lanzen bewaffnet marschierte im Gleichschritt den Steg hinunter in den Sand. Das Holz unter ihren schweren Füssen ächzte dabei, bis sie ihre Stiefel schließlich in den Sand setzten und sich neben dem Steg in zwei Reihen aufgliederten und Spalier standen. Gleichzeitig war der Karren angekommen. Zwei Sklaven halfen Alkarn hinaus. Er versuchte galant zu wirken, aber dafür ging er einfach zu ungeschickt mit seinem schweren Körper um sich. Er winkte die Alakeen zu sich und zusammen näherten sie sich dem Luftschiff. Haralls Männer mit Gewehren gingen auf Deck in Stellung. Es war eine reine Demonstration seiner Möglichkeiten, denn er befürchtete keinen Hinterhalt dieser Barbaren, nicht einmal von dem hinterlistigen Alkarn.
Harall schickte seine Leibwache Borg voraus. Trotz seines riesigen Körpers lief er mit weiten, geschickten Schritten den Steg hinunter und lief zwischen den Beflügelten durch zu Alkarn. Auch Harall machte sich nun gemächlich auf den Weg zu diesem, während Borg mit seiner tiefen, donnernden Stimme ihn ankündigte.
»Abgesandter des Herrschers der Himmel, Regent über die Schwebende Stadt Valvera, Kalin der Himmelskönig, sein Sohn Prinz Harall, der Silberne!«
Harall lief zwischen seinen Soldaten durch, die im Chor schrien: »Gesegnet sei der Himmelskönig und seine Kinder! Ewig sollen sie leben!«
Borg machte ihm platz und Harall thronte mit seiner ganzen hohen und anmutigen Gestalt über dem kleinen, feisten Alkarn, der trotz seiner goldenen Garde sichtlich nervös wirkte. Man musste es ihm nachsehen. Er war es sich nicht gewohnt, es mit Menschen zutun zu bekommen, die mächtiger waren als er selbst. Aber er fand seine Fassung schnell wieder und verbeugte sich, soweit es ihm mit seinem Bauch gelang. Auch dies war keine Bewegung, die geübt war.
»Prinz Harall, es ist mir eine Ehre, sie persönlich begrüßen zu dürfen.«
»Alkarn der Palasthüter und Mitglied des Rates der Zehn. Es ist mir ein Vergnügen.«
»Ich bin als Botschafter des Rates und der Bevölkerung tätig und nicht in meinem eigenen Interesse …«
»Alkarn.«, unterbrach ihn Harall unwirsch, die Höflichkeiten waren ihm bereits verleidet. »In welchem Interesse ihr handelt, interessiert mich wenig. Lasst uns gleich zum Grunde meiner Anwesenheit kommen. Ich möchte nicht ewig in diesem sandigen Wind stehenbleiben.«
»Selbstverständlich. Bitte folgt mir in den Palast. Die Röte endet bald und die Nächte sind kalt hier. Lasst uns alles bei einem warmen Mahl und mit reichlich Wein besprechen.«
Das hatte Harall nicht gemeint. Ein Besuch im Palast würde seinen Besuch auf diesem scheußlichen Strang nur verlängern. Er wollte das, für was er gekommen war und dann wieder weg von hier.
»Alkarn, ich hoffe ihr seid im Besitz der Steine und wollt mir hier nichts vormachen.«
»Sicher bin ich in ihrem Besitz, Prinz Harall. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Sie sind im Palast. Gut bewacht.«
»Ihr wusstet, dass ich komme. Warum habt ihr sie nicht mitgebracht?«
»Weil ich sicher gehen wollte, dass nichts geschehen wird. Es gibt Menschen in dieser Stadt, die würden für eine solche Ware nicht dafür zurückschrecken mich und meine Soldaten anzugreifen, vielleicht nicht einmal die Schwebenden. Nun, bitte, Prinz Harall, folgt mir.«
Harall musste nur mit den Finger schnipsen und seine Zwanzigschaft, verließen ihre Stellung und reihten sich hinter dem Prinz in einer Zweierkolone auf. Borg stellte sich neben Harall.
»Aber Prinz Harall. Die werdet ihr nicht gebrauchen. Meine Soldaten werden euren Schutz im Palast garantieren.«
»Die sind nicht für meinen Schutz, Alkarn. Ich bin mir sicher, dass ihr nicht zulassen werdet, dass mir etwas geschieht. Dafür fürchtet ihr meinen Vater zu sehr. Diese Männer dienen nur zur Absicherung, dass ihr kein falsches Spiel mit mir spielen wollt. Ich werde mit der versprochenen Ware zurückkehren!«
»Wie es euch beliebt, Prinz Harall. Nun bitte folgt mir.«

Alkarn hatte ihn in einen weiten Saal in den oberen Stockwerken des Palastes geführt. Die Beflügelten warteten draußen, aber er hatte darauf bestand, dass Borg ebenfalls anwesend war. Der Dicke hatte es ihm nicht abschlagen können. Der Leibwächter wartete gelangweilt an eine Wand gelehnt. Verhandlungen und Politik interessierten ihn nur dann, wenn man es mit einem Schwert aushandeln konnte. Ein Diener hatte ein Feuer im nahen Kamin entfacht, weitere füllten einen langen Tisch mit Speisen und Wein, genug um die ganze Besatzung des Luftschiffes ernähren zu können. Harall nippte an seinem Wein. Er war viel zu stark gewürzt. Nicht unbedingt ein Zeichen, dass es der Beste war. Alkarn wusch seine Hände an einem Trog mit warmem Wasser und ließ seinen Teller durch die Diener füllen. Als alles nach seinem Wunsch war, verschwanden die Diener und sie waren nur noch zu dritt.
»Wo sind die Steine?«, fragte Harall ungeduldig, während Alkarn seinen Mund mit Fleisch, Brot, Früchten und was sonst noch seine dicken Finger vom Teller wischen konnten, füllte. Er schluckte die Speisen halbgekaut mit einem großen Schluck Wein runter
»Nur Geduld. Meine Diener holen sie gerade. Bitte, esst derweilen.«, er zeigte über den Tisch.
»Danke, der Wein genügt mir.«, antwortete Harall, der zu ungeduldig war, um sich zu setzen. Alkarn hatte irgendetwas zu verbergen. Das spürte er deutlich. Er fixierte sein Gegenüber mit seinen Augen. Doch der hatte für Harall keinen Sinn mehr frei. Er kümmerte sich nur noch um das Essen, bis schließlich nach langen Minuten des Wartens zwei Diener mit einer Holztruhe kamen. Ein Eisenschloss verriegelte den Inhalt.
»Wer sagt’s denn. Hier sind sie ja schon. Eure Steine, Prinz Harall.«, erklärte Alkarn und klatschte freudig mit seinen fettigen Händen.
»Darf ich?«
»Aber bitte, ich bestehe darauf.«
Harall ließ seinen Weinbecher auf dem Tisch stehen und ging zur Truhe. Einer der Diener hatte das Schloss entriegelt und die beiden wichen demütig zurück. Alkarn winkte sie hinaus und Harall öffnete die Truhe. Der Inhalt leuchtete gelblich. Die Kiste war halb gefüllt mit Son-Steinen und jedem anderen hätten bei diesem Anblick die Augen vor Staunen gefunkelt. Doch Haralls Augen verengten sich und er drehte sich zu Alkarn um, der weiter fraß, als wäre hier alles in Ordnung, als wüsste er nicht, dass die Truhe nicht bis obenhin gefüllt war mit den kostbaren Steinen.
»Wo ist der Rest?«, sagte Harall und versuchte geduldig zu wirken.
»Der Rest? Das ist alles. Eine Truhe mit Son-Steinen.«
»Die Abmachung war gefüllt mit Son-Steinen. Das ist nur die Hälfte von dem, was Ihr uns versprochen habt.«
»Aber versteht doch, Prinz Harall, wir können nicht mehr entbehren. Unser Energieverbrauch ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Son-Steine werden immer schwerer zu finden.«
Jetzt wusste Harall zumindest, was hier gespielt wurde. Hatte der dicke Narr wirklich gedacht, er könnte den Silbernen mit Speisen und billigen Wein besänftigen? Hatte Alkarn wirklich gehofft, er könnte neue Forderungen stellen? Dachte er etwa, dass er hier am längeren Hebel hing? Aber da hatte sich Alkarn getäuscht. Harall spielte solche Spiele bereits seit seiner Kindheit und er war schlecht im verlieren. Äußerlich zeigte er sich ganz ruhig, doch innerlich hätte er am liebsten Borg auf den Dicken gehetzt. Das wäre ein beruhigender Anblick gewesen. Aber im Moment brauchte er diesen Tölpel noch. So gab er seinem Leibwächter ein fast unmerkliches Handzeichen und dieser verschwand aus dem Saal. Harall und Alkarn waren nun alleine. Harall lief langsam zu dem langen Tisch und ließ die Truhe offen stehen. Er erhob sein Weinbecher, als wollte er anstoßen oder einen Tost aussprechen.
»Als ich vor einigen Jahren, zum ersten Mal auf diesen Strang gekommen bin – fragt mich nicht, wie lange es her ist. – schon damals hatte es diesen verfluchten Wind, diese brennende Hitze und vor allem viel Sand gegeben. Aber sehr viele Dinge hattet Ihr damals nicht. Vielleicht könnt Ihr Euch noch erinnern. Ihr seid auch anwesend gewesen und einige andere des Rates der Zehn. Ihr habt mir ein Mahl angeboten wie heute, sagtet, es wäre das Beste, was Razin zu bieten habe.«, Harall lachte zynisch. »Das Beste? Es bestand aus hartem Brot, dem Fleisch dieser stinkenden Lasttiere und zu trinken gab es nur diesen grässlichen Kaktusschnaps!«, Alkarn hörte jetzt endlich auf zu essen. Er griff nicht einmal mehr nach seinem Weinbecher. »Seht Euch diesen Tisch an, gedeckt mit Früchten, die gar nicht in diesem Sand wachsen können, Fleisch von Tieren, die Ihr zu mästen vor einigen Jahren gar nicht leisten konntet und Wein. Woher kommt der Wein? Wo in dieser Hitze sollen bitte schön Reben wachsen? Ich sage euch wo. In einem Tropenhaus, dass Ihr von uns, den Schwebenden erhalten habt. Nur die Herstellung von gutem Wein, habt Ihr leider noch nicht gelernt.«, er verschüttete seinen fast vollen Becher demonstrativ über den Tisch. »Macht nichts. Dafür haben wir Euch doch Gewürze gegeben, damit Ihr dieses Pisswasser schmackhaft machen könnt!«
Alkarn schwieg und Harall lief langsam um den Tisch auf den Dicken zu, der seine Augen nicht mehr von dem Prinzen losreißen konnte. Harall warf den leeren Weinbecher ins Feuer im Kamin.
»Wie ich sehe, könnt Ihr jetzt eure Räume wärmen. In meiner ersten Nacht in dieser Wüste, da bin ich fast erfroren, weil Ihr so gut wie kein Holz besessen habt. Jetzt habt Ihr genug, um jeden Raum in diesem Palast jede Nacht durchzuheizen. Aber wem verdankt Ihr, dass ihr jetzt Bäume pflanzen und Kohle herstellen könnt? Den Schwebenden!«
Alkarn sagte noch immer kein Wort. Harall trat zum Trog und warf ihn wie beiläufig um.
»Wasser. Bei meinem letzten Besuch hattet Ihr nicht einmal genug davon, dass sich meine Soldaten nach dem Scheißen die Hände putzen durften. Sie mussten sich den Dreck mit Sand sauber reiben. Jetzt besitzt eure halbe Stadt eine fließende Wasserversorgung. All dies nur wegen uns, den Schwebenden, wegen der Gnade des Himmelskönig!«
Harall setzte sich auf die Tischkannte gleich neben dem verstummten Alkarn und dessen halb geleerter Teller. Er blickte dem Dicken fest in die Augen, der schaute zurück, weil es keinen anderen Ort mehr gab, um hinzusehen.
»Bevor wir Schwebenden kamen, wart Ihr ein armes Volk, Alkarn. Ihr habt euch von Kaktus und stinkendem Fleisch ernährt. Ihr hattet Angst vor der Kälte der Nacht. Ihr habt eure Scheiße mit Sand abgerieben, dem einzigen was euer verfluchtes Volk mehr als zur Genüge hat. Wir brachten euch Reichtum, wir gaben euch diese Speisen und vor allem von uns habt Ihr Wasser erhalten. Als Gegenleistung für all dies, verlangen wir nur eine mickrige Truhe gefüllt mit Son-Steinen einmal im Jahr. Nicht halb gefüllt. Bis zum Rande gefüllt! Also frage ich noch einmal. Wo ist der Rest?«
»Wir … besitzen nicht mehr.«, sprach Alkarn mit trockenem Mund. Im selben Moment trat Borg mit zwei Beflügelten den Saal.
»Alkarn, falls Ihr euren Reichtum behalten wollt, dann liefert Ihr mir in zehn Tagen die restlichen Steine oder hundert Sklaven, die eure Schuld in unseren Minen abbauen werden.«
»Nur zehn Tage. Aber das ist nicht möglich. Ich muss den Rat zusammentrommeln und alles mit ihnen besprechen. Ich benötige mehr Zeit!«
Das war das Problem, wenn man in keiner Monarchie lebte. Kein Land konnte langfristig durch mehrere Personen regiert werden. Die Entscheidungen dauerten einfach zu lange und einig war man sich auch nie. Ein Volk musste durch eine einzelne, starke Person geführt werden, die wichtige Entscheidungen alleine treffen konnte.
»Dann müsst Ihr den Rat schnell überzeugen oder«, Haralls Stimme wurde zu einem verschwörerischen Flüstern und er beugte sich zu Alkarn vor »es gäbe da immer noch eine andere Möglichkeit. Ich und der Himmelskönig würden es bevorzugen in Zukunft nur noch mit einem Entscheidungsträger verhandeln zu müssen.«
»Aber was redet Ihr da, Prinz Harall. Der Rat der Zehn würde dem nie beistehen. Als man vor fast hundert Jahren Urtan den verrückten König gestürzt hatte, wurde der Rat ins Leben gerufen und man schwor, dass Razin nie mehr von einer einzelnen Person regiert werden würde. Niemand würde diesen Schwur brechen.«
»Ihr seid so unkreativ, mein lieber Alkarn. Immer muss es über den Rat gehen. Nehmt es in Eure eigenen Hände. Ihr seid doch Reich oder? Gifte und Meuchelmörder sind heutzutage billig zu bekommen.«, Harall stand auf und wanderte zurück zur Truhe. Fast beiläufig ergänzte er: »Der Himmelskönig würde hinter Euch stehen, Alkarn der Reichshüter.«
Er ließ den Klang des Titels im Raume stehen, so dass der Dicke noch lange darüber nachdenken würde. Er verließ den Saal und es war kein weiterer Befehl von Nöten. Die Beflügelten erhoben die Truhe mit den Son-Steinen und folgten ihrem Prinzen. Borg marschierte hinter dem Zug her.
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